Der Abschied von der Schattenhexe
Wie Sie tiefgehende traumatische Erfahrungen auflösen
Die koreanische Serie „It‘s okay to not be okay“ war Anlass für meinen Blogartikel. Sie erzählt und zeigt in einer ungewöhnlich eindrücklichen Bild- und Gefühlssprache, wie drei junge Menschen es gemeinsam schaffen, ihre schweren psychischen Traumata zu verarbeiten, sie aufzulösen und neue Wege in ihrem Leben zu finden. Ich habe noch niemals im Medium Film/Serie eine so ernsthafte und psychologisch fundierte Bearbeitung dieses ergreifenden Themas gesehen. Darum habe ich das Bild der Schattenhexe aus dieser Serie zum Motiv gewählt, um in zwölf Schritten den Weg aus dem Trauma zu einem positiven Leben aufzuzeigen. Ich kann diese Serie jedem Menschen, der sich für das Thema Trauma interessiert, nur ans Herz legen. Dieses Gesamtkunstwerk ist einzigartig, emotional umwerfend und absolut großartig.
Worum geht es in der Serie?
Zunächst werden drei Hauptfiguren eingeführt. Sie alle haben eine traumatische Erfahrung gemacht und eine Tendenz zur Vereinzelung. „Der Junge, der von seinen Alpträumen lebte“ ist einer von ihnen. Von Kindheit an litt er unter schweren Alpträumen. Die Alpträume wurden so unerträglich, dass er eines Nachts zu einer Hexe ging und sie um Hilfe bat. Er bot der Hexe an, ihr alles zu geben, was sie wollte, wenn sie ihn nur von den schlimmen Alpträumen befreien würde. Die Hexe willigte ein und forderte als Gegenleistung seine Seele.
Der Junge wurde erwachsen, seine bösen Träume waren verschwunden, aber besser fühlte er sich nicht. Als eines Nachts die Hexe kam, um seine Seele zu holen, klagte er sie an, dass er zwar keine Alpträume mehr habe, aber todunglücklich sei. Daraufhin sagte die Hexe: „Schmerzhafte Erinnerungen, Erinnerungen an tiefe Reue, an zugefügtes und erlittenes Leid, an das Verlassenwerden – nur mit solchen Erinnerungen im Herzen erlangt man Stärke, Leidenschaft und emotionale Widerstandskraft. Nur mit ihnen im Herzen kann man glücklich werden. Also vergiss nicht: Erinnere Dich und überwinde es. Wenn Du das nicht tust, bleibst Du immer ein Kind, dessen Seele niemals wächst.“
Die Hexe in dieser Geschichte ist offensichtlich mehr als eine böse Figur. Sie ist auch eine weise Frau, die weiß, was Menschen für ein erfülltes Leben brauchen: eine lebendige Seele, die alle Emotionen kennt und integrieren kann.
Der Weg in die Befreiung durch wirkliche Beziehungen
Die Serie hat natürlich ein Happy End, soviel nehme ich vorweg. Alle drei Hauptfiguren werden vom Leben dahin geführt, dass sie eine wirkliche Beziehung zu einer anderen Person eingehen. In Verbindung zu anderen schaffen sie es, sich auf ihre jeweilige traumatische Erfahrung einzulassen, durch diese hindurch zu gehen und gestärkt daraus hervorzukommen. Aus psychologischer Sicht wird in dieser Geschichte extrem präzise, fundiert und einfühlsam erzählt, wie die emotionale Verarbeitung von tiefgehenden Traumata bestenfalls stattfinden kann, damit eine wirkliche Auflösung der inneren Behinderung möglich ist.
Wie diese tiefenpsychologisch fundierten Befreiungsschritte genau aussehen und was dabei intrapsychisch und im äußeren Geschehen stattfinden wird, beschreibe ich in diesem Artikel sehr ausführlich. Ich hoffe, dass Sie genauso viele Erkenntnisse beim Lesen haben werden, wie ich beim Anschauen dieser Serie.
Schritt 1: Den Schatten des Traumas erkennen
Fast alle traumatisierten Menschen verdrängen ihre belastenden Erfahrungen. Sie versuchen ein „normales“ Leben zu leben. Sie fliehen, vermeiden, verdrängen – nach außen und im Inneren. Psychopharmaka und Schlaftabletten helfen dabei. Wie in der koreanischen Serie verkaufen sie ihre Seele an die Schattenhexe und vermeiden jede Art von Gefühl, auch Freude. Der Preis, der für das Verdrängen gezahlt werden muss, ist ein seelenloses und gefühlsarmes Leben. Dieser Preis ist längerfristig zu hoch und belastend für einen Menschen. Die Betroffenen fühlen sich permanent angestrengt, beschwert und überfordert. Andere erleben sich wie unter einem Schleier – als ob ein ewiger Schatten über ihnen liegt und sie mehr und mehr erdrückt. Die Verdrängung fordert ihren Tribut in Form von Folgeerkrankungen aller Art.
Die Psyche am Rande des Nervenzusammenbruchs
Der Versuch zu vergessen erfordert eine immense Arbeit und Anstrengung von der Psyche, eine permanente Höchstleistung der Verdrängung. Dadurch ist die Psyche ständig im Ausnahmezustand und am Rande der Leistungsfähigkeit. Betroffene erleben diese Überforderung erst dann, wenn es zu einem psychischen Zusammenbruch kommt. Sie erleben einen Burnout oder haben wiederkehrende Ausbrüche – Wutanfälle oder psychosomatische Probleme. Das sind die „Notventile“ der Psyche, die zu einer kurzen Entladung führen und dem übervollen System eine kleine Verschnaufpause geben.
Die Seele fordert ihren Raum zum Erleben und Reifen. Schon Sigmund Freud sagte: „Die Psyche strebt nach Ganzheit und nach Heilung.“ In diesem Sinne gibt es letztlich kein Ausweichen vor den Gefühlen des Traumas, die mit Hilfe der Verdrängung nur zur Seite geschoben werden. Psychische Probleme müssen gefühlt, durchlebt und integriert werden, damit sie sich auflösen können.
Wenn Betroffene Glück haben, kommt es zu einem Ereignis, das sie „zwingt“, ihr Leben zu verändern und in eine andere Richtung zu gehen. Es können ungewöhnliche Begegnungen sein, Unfälle oder sonstige Einbrüche des Lebens, manchmal sogar eine bewusste Entscheidung, die zu einem Innehalten, einem ersthaften Nachdenken und zu einer Besinnung führt. Die entscheidende Frage ist immer: Sind die Betroffenen bereit, diese Chance zu nutzen?
Schritt 2: Beziehung-wagen öffnet die Tür
In der Serie „It´s okay to not be okay“ begegnen sich zwei der drei Protagonisten scheinbar zufällig. Vom ersten Moment an ist eine starke Verbindung zwischen ihnen fühlbar. Noch haben beide Menschen keine Ahnung, dass sie sich aus der Kindheit kennen und ihre traumatischen Geschichten eng miteinander verwoben sind. Doch die weibliche Hauptfigur ahnt sofort, dass dieser junge Mann für sie etwas Besonderes ist. Sie ist die erste der drei Protagonisten, die sich nacheinander alle intuitiv dazu entscheiden, eine für sie ungewöhnlich intensive Beziehung mit einem anderen Menschen einzugehen und ihre einsame, zurückgezogene Welt zu verlassen.
Mut zu einer intensiven Beziehung
Traumatisierte Menschen neigen dazu, sich von anderen Menschen und der angsteinflößenden Welt zurückzuziehen. Wenn sie sich jedoch ihrem Trauma stellen wollen und den Wunsch haben, dieses zu überwinden, brauchen sie an erster und oberster Stelle den Mut, sich auf eine intensive Verbindung und Beziehung zu mindestens einem Menschen einzulassen. Ohne die Öffnung nach außen kann kein tiefgehendes Trauma bearbeitet, geschweige denn gelöst werden. Sich wieder auf das Risiko einer intensiven Beziehung einzulassen, ist der Türöffner für diesen aufwühlenden und verändernden Prozess. Es kann gut sein, dass dieser erste Beziehungspartner am Beginn der Reise zu sich selbst ein Psychotherapeut oder eine Psychotherapeutin ist.
Die Therapeutin/der Therapeut ist jedoch nur dann ein guter Beziehungspartner für den traumatisierten Menschen, wenn er/sie in der Lage ist, eine authentische Beziehung mit dem traumatisierten Klienten einzugehen und Begegnungen auf der Grundlage von Resonanz zu ermöglichen. Dann ist die sich daraus aufbauende therapeutische Beziehung intensiv und tragfähig für den traumatisierten Menschen. Unter den Bedingungen von Echtheit und Authentizität gibt die therapeutische Beziehung dem Klienten enormen Halt und viel Sicherheit. Sie kann den Klienten durch alle Untiefen tragen und Wege durch die Schrecken der alten Erfahrungen und zur Befreiung aus dem Trauma aufweisen.
Schritt 3: Emotionaler Halt und innere Sicherheit wird erlebt
Eine stabile Beziehung, die von Resonanz und gegenseitiger Wahrhaftigkeit getragen ist, gibt den notwendigen Halt, den Menschen brauchen, wenn sie sich diesen schwerwiegenden inneren Erschütterungen stellen wollen. Nur auf dieser Basis, hat die Reaktivierung einer traumatischen Erfahrung überhaupt die notwendige Grundlage, um diese im vollen Umfang erneut zu fühlen und diesmal emotional aushalten zu lernen. Ein psychotherapeutisch geschulter Beziehungspartner führt den Betroffenen durch alle Untiefen hindurch und zeigt ihm die möglichen Auswege aus dem inneren Labyrinth.
In sehr seltenen Fällen kann ein freundschaftlich verbundener Mensch diesen emotionalen Halt für die Traumalösung geben, wie es auch in der koreanischen Serie geschieht. In der Realität sind die meisten psychologisch ungeschulten Menschen sehr schnell überfordert von der Heftigkeit und Intensität der auftauchenden Emotionen und Empfindungen. Traumatisierte Menschen brauchen aber stabile Beziehungspartner, die absolut wohlwollend und verlässlich an ihrer Seite sind und sie nicht bewerten. Ein Psychotherapeut oder eine Psychotherapeutin unterstützt den traumatisierten Menschen dabei, langsam wieder Vertrauen in sein Gegenüber und in sich selbst aufzubauen.
Schritt 4: Der innere Konflikt öffnet sich langsam
In der Serie wird mit einfühlsamen, eindrücklichen und emotional tiefgehenden Bildern anschaulich gezeigt, wie sich allmählich Erinnerungen aus der Vergangenheit auftun. Das geschieht sowohl in Träumen, in Erinnerungen und auch in Tagträumen, die wie Flashbacks auftauchen und heftige Emotionen auslösen. Die liebevolle Anwesenheit eines haltgebenden Gegenübers ermöglicht den Betroffenen immer tiefer in ihre Geschichte einzutauchen.
Mit Hilfe der haltgebenden Beziehung erleben die traumatisierten Menschen, dass sie die Erinnerungen und Emotionen heute als erwachsene Menschen aushalten und ohne Schaden durchleben können. Sie machen sogar die Erfahrung, dass die auftauchenden und durchlebten Erinnerungen eine Befreiung und Erleichterung mit sich bringen und in das nun erwachsene Leben integriert werden können. So wird erkannt, dass die alten Traumata, die Ängste und Wunden sich auflösen können und ein befreites Leben möglich ist.
Intensive Emotionen sind aushaltbar
Die gleichen Erfahrungen machen traumatisierte Menschen, wenn sie sich auf einen in der therapeutischen Beziehung gehalten Psychotherapieprozess einlassen und durch ihre aufkommenden Emotionen hindurchgehen. Für mich als Psychotherapeutin von schwer traumatisierten Klienten aus allen Themengebieten bedeutet dieser Prozess, dass ich für sie in dieser Phase ihrer Traumalösung auch außerhalb der Psychotherapiesitzungen erreichbar bin. Ich bin für sie da, wenn die Dunkelheit sie umfängt.
Die beiderseitige Hingabe an den Prozess und seine Wirkung ist das, was die Heilung der Wunden ermöglicht. Auf diese Weise erleben selbst schwer traumatisierte Menschen, dass Entwicklung und Veränderung in ihrem Leben möglich sind. Ein neuer Lebensmut entsteht und ist oft von einer ersten und vorsichtigen Lebensfreude durchzogen.
Emotionales „Surfen“ lernen
Am Anfang der Erfahrung ist der Fortschritt noch brüchig und es kommt immer wieder zu Einbrüchen und Rückfällen. Wenn die Menschen jedoch annehmen lernen, dass diese Schwankungen zum Stabilisierungsprozess dazu gehören, dann dehnt sich die innere Frustrationstoleranz aus und die Bereitschaft zu einem friedlichen Umgang mit sich selbst und den eigenen Schwankungen wird größer.
Aus meiner Sicht ist diese erweiterte intrapsychische Kapazität der Selbstannahme der Beginn einer aktiven Selbstliebe, die unglaublich wichtig für die Gesundung eines jeden traumatisierten Menschen ist. Wenn es einem traumatisierten Menschen möglich ist, die eigenen Schwächen zu erkennen und liebevoll anzunehmen, dann können auch die Schwächen und Behinderungen anderer Menschen liebevoller angenommen und ausgehalten werden. So werden diese weniger bedrohlich.
Schritt 5: Zombie-Kind lernt zu fühlen
In der Serie „It´s okay to be not okay“ taucht die Geschichte von Zombie-Kind auf. Zombie-Kind kennt nur Hunger und kann sonst nichts empfinden. Es ist von einem ständigen Hunger getrieben, sodass die Mutter es vor den anderen Menschen versteckt und nur damit beschäftigt ist, dem Kind Essen zu besorgen. Eines Tages bricht eine Epidemie aus und alle Tiere sterben, sodass die Mutter Zombie-Kind kein Essen mehr bringen kann. Doch Zombie-Kind schreit danach und wird sehr böse. Aus Verzweiflung füttert die Mutter das Kind mit den eigenen Gliedmaßen. Als von ihr nur noch der Rumpf übrig ist, klammert sich Zombie-Kind an ihrem Rumpf fest und versucht, auch diesen aufzuessen. Doch in diesem Moment spürt es die Wärme des Rumpfes der Mutter und muss zutiefst weinen. Zum ersten Mal in seinem Leben spürt Zombie-Kind etwas anderes als den Hunger nach Nahrung. Es ist menschliche Nähe und Wärme, die sein inneres Eis zum Schmelzen bringt.
Die Geschichte endet mit einer Frage: Wonach hat Zombie-Kind wirklich Hunger? Nach Essen oder nach menschlicher Wärme und Nähe? Diese Frage kann jeder traumatisierte Mensch nur für sich selbst beantworten.
Traumatisierte Menschen erleben diesen Hunger
Schwer traumatisierte Menschen sind häufig wie Zombie-Kind. Sie sind getrieben von ihrem Hunger nach sofortiger Befriedigung dessen, was sie gerade sehen, erleben und wünschen. Sie sind ihrem inneren Mangel komplett ausgeliefert. Sie sehen etwas und wollen es haben, auch wenn es nur ein kurzfristiger Lustgewinn ist. Sie können keinen Aufschub, keine äußeren Grenzen aushalten, ohne wütend zu werden. Dieses Verhalten ist keine böse Absicht, es ist ein Ausdruck der mangelnden Affektkontrolle, der diese Menschen unterliegen. Sie sind noch nicht in der Lage, eine Reaktionspause einzubauen und die Affekte im Inneren zu halten und zu ertragen, damit eine gewisse Beruhigung eintreten kann.
Der Weg durch die Stürme des Traumas
Affekte, Gefühle und innere Aufwallungen sind wie emotionale Tornados. Eine beziehungs- und emotionsfokussierte Psychotherapie hilft traumatisierten Menschen, durch die Affektausbrüche zu gehen, diese bewusst zu erleben und deren Ursprünge zu lokalisieren. Sie lernen, die betreffenden Emotionen in den Affektdurchbrüchen zu erkennen, sich selbst zu zentrieren und sich während des inneren Sturms zu beruhigen.
Diese Erfahrungen müssen traumatisierte Menschen am Anfang ihres Lösungsweges aus dem Trauma machen, bis sie darauf vertrauen können, dass sie diese Affektstürme auch alleine überleben können. Meine Klienten nennen diesen Weg durch die Untiefen des inneren Erlebens manchmal „begleitetes Fühlen“.
Hierfür braucht es drei Grundvoraussetzungen:
- Eine stabilen Beziehung zu mindestens einem anderen Menschen, der bildlich gesprochen das Seil festhält, das vor einem Absturz bewahrt.
- Eine innere Entscheidung und Bereitschaft zu diesem bewussten Durchleben der inneren Abgründe.
- Ein Repertoire an effektiven psychotherapeutisch wirksamen Techniken, die Halt geben, die erprobt sind und auf die jederzeit zurückgegriffen werden kann.
Schritt 6: Das Trauern bringt die Lösung
Das wichtigste Gefühl im Prozess der Traumabewältigung ist die Trauer. Traumatisierte Menschen vermeiden die tiefe Trauer über das Erlebte am allermeisten. Bevor sie sich erlauben, die Trauer zu fühlen, sind sie oft zuerst wütend, dann ängstlich und eventuell sogar hilflos – nur traurig sein wird nicht zugelassen. Tief zu trauern und sich der Trauer emotional zu überlassen wird von fast allen Menschen mit der Gefahr eines Kontrollverlustes verbunden und abgewehrt. „Wer trauert ist schwach“ – diese Überzeugung haben die meisten Menschen. Sie suchen ständig nach Auswegen, um diesem „bedrohlichen“ Gefühl zu entgehen.
Dabei ist die Trauer genau die Emotion, die am wirkungsvollsten ist, wenn es um die Auflösung von negativen Erfahrungen, von Schreck, Erstarrung und Schock, von Angst, von Schuld und allen physischen und psychischen Traumata geht. Schon in dem Disney-Animationsfilm „Alles steht Kopf“ der 2015 erschienen ist und bei dem es um emotionale Prozesse geht, die während verschiedener Kommunikationssituationen im Gehirn ablaufen, muss am Ende die Trauer die Lösung bringen. Wut und Freude schaffen es nicht, eine Lösung der vertrackten Situation zu ermöglichen. Am Ende des Films wird dann der Kummer – wie die Trauer dort heißt – zu Hilfe gerufen. Sie ist die einzige Emotion, die in der Lage ist, dem betroffenen Mädchen zu helfen.
Genauso ist es im „wahren Leben“. Das Trauern bewirkt die Auflösung der emotionalen Erstarrung. Das Fließen von Tränen ist wie die notwendige Medizin, die einen Öffnungsprozess in Gang setzt und die Menschen in eine psychische Entspannung führt. Nur auf der Basis einer psychischen und physischen Entspannung kann die Befreiung von den Schatten des Traumas stattfinden. Ohne Trauern und Weinen gibt es keine Erlösung.
Notwendigkeit zum Trauern lässt nach
Wichtig im Trauerprozess ist, dass dieser in einer haltgebenden und schützenden Umgebung und Beziehung stattfindet. Die Angst und das Kontrollbedürfnis sind fast immer zu groß, um sich alleine in den Abgrund zu wagen. Wenn es jedoch einige gute Erfahrungen mit dem Trauern gibt, dann verschwinden die Angst und der Schrecken vor dem Trauern und es gelingt auch alleine mit sich selbst.
Zum Trauerprozess gehört auch, dass das Zulassen des Trauerns zur Folge hat, dass die Abstände zwischen den Trauer-Wellen immer größer werden. Wenn der Trauerprozess tief genug durchlebt und zugelassen wird, dann lässt die Notwendigkeit zum Trauern sukzessive nach. Für mich ist es immer wieder magisch, wenn ich miterlebe, wie dieser Trauerprozess sich aufbäumt, durchlebt wird und dann verklingt. Das geschieht jedoch nur dann, wenn ihm genug Raum, Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Vertrauen in die eigene Kraft nimmt zu
Besonders faszinierend ist, welcher Effekt durch ein tiefgründiges Trauern erreicht wird. Die Menschen erfahren eine unfassbare Erleichterung und Erlösung, die einen tiefen inneren Frieden zur Folge hat. Oft ist eine spontane Freude die Folge. Auf jeden Fall setzt eine enorme Wirkung für Körper, Seele und Geist ein. Das Vertrauen in die eigene Kraft und psychische Widerstandsfähigkeit nimmt intuitiv zu. Gleichzeitig ist es jedoch die Ernte und das Resultat einer tiefgehenden psychologischen Arbeit an und mit sich selbst. Die neue innere Sicherheit wächst von innen nach außen. Trauern mit den dazugehörigen Tränen bringt die Erlösung von dem Schatten des Traumas.
Schritt 7: Der unsichtbare Schatten löst sich auf
Wenn sich traumatisierte Menschen auf die Grundvoraussetzungen für eine Traumalösung einlassen und die ersten Erfahrungen mit dem Lösungsprozess machen, ist von außen zu erkennen, wie sich der überschattende Nebel um diesen Menschen herum langsam lichtet. Die Betroffenen können sich wieder über Kleinigkeiten in ihrem Alltag freuen. Die erstarrten Augen werden weicher und können wieder lachen, die Schultern sinken herab und wirken entspannter, die Stimme ist anders und weniger gedämpft. Der ganze Körper hat eine veränderte und gelöstere Haltung. Er wirkt lebendig.
Sich wieder neu öffnen
Oft tauchen im Inneren neue, positive Bilder aus der Vergangenheit auf. Es zeigen sich plötzlich Erinnerungen an liebevolle Erlebnisse mit den entscheidenden Bezugspersonen, die vorher völlig verdrängt waren. Viele der alten Erfahrungen rücken im inneren Erleben in ein anderes Licht. Auch im realen Hier und Jetzt, sind auf dieser traumalösenden Basis neue und andere Erfahrungen und Wege möglich. Die aus dem Schatten des Traumas tretenden Menschen sind in zaghaften Schritten allmählich in der Lage, das engmaschige Netz ihres oft sehr routinierten und sicherheitsgebenden Alltags auszudehnen und kleine Experimente zu wagen. Sie verlassen die Routine und dehnen ihre psychischen und physischen Grenzen aus. Diese innere und äußere Ausdehnung tut gut, sie führt zu einer sehr intensiv erlebten Entspannung, was wohltuend und lustvoll ist.
Auf Basis dieser tiefergehenden Entspannung können – so vorhanden – auch tiefer angesiedelte Aspekte des Traumas hervorkommen. Da der traumatisierte Mensch an dieser Stelle die emotionale Intensität schon kennt und die für den Lösungsprozess notwendigen Schritte schon mehrfach durchlebt hat, ist die Angst während dieser Traumalösungsphase oft schon überschaubarer und weniger abschreckend.
Das Trauma verliert sein monströses Gesicht
Letztlich verläuft die Traumalösung mit jedem neuen „Lösungs-Schub“ in immer tiefergehenden Kreisen ab. Der Weg ist wie auf einer Spirale, die sich immer tiefer dreht, ohne in der Tiefe steckenzubleiben. Wenn die vorhandenen Emotionen ohne Widerstand angenommen und zugelassen werden, lösen sie sich wie von selbst auf. Das ist die Magie der Hingabe an die eigene Realität. Sie gibt Kraft und Energie, wenn sie ganz simpel angenommen wird, wie sie ist.
Auf diese Weise werden emotionale Schmerzen und Wunden zu Vernarbungen, die anwesend sind, die manchmal noch wehtun, aber zum Leben dazugehören und erträglich werden. Im Grunde sind sie eine mehr oder weniger sichtbare Behinderung, die Teil des eigenen Lebens ist und integriert werden kann.
Schritt 8: Der Mut zur persönlichen Wahrheit
Wut und Mut sind angesagt
Auf der Basis der allgemeinen Verbesserung des Lebens und einer tiefergehenden Entspannung kann jetzt eine neue emotionale Welle hochkommen und sich ausbreiten. Vielleicht kann ein traumatisierter Mensch an dieser Stelle zum ersten Mal statt Angst und Trauer eine ganz neue Art von Wut fühlen. Diese Wut ist eine angebrachte Wut – ich nenne sie konstruktive Wut – zu der die Betroffenen zum ersten Mal im Leben den Mut und die Kraft haben. Diese neue und angemessene Form der Wut verdeutlicht den Gesundungsprozess eines traumatisierten Menschen. Die Betroffenen trauen sich zum ersten Mal in ihrem Leben, deutlich und angemessen wütend auf ihre Peiniger zu werden.
Mut zur Wut
Neben der anhaltenden Tendenz zur Trauer, drängt jetzt im Prozess der Traumabewältigung auch eine heiße und leidenschaftliche Wut an die Oberfläche, etwa auf die Eltern mit ihren Verboten und negativen Bewertungen, die der Betroffene als Kind erlebt hat. Diese Wut gegen die Unterdrücker der Vergangenheit ist an dieser Stelle konstruktiv und der erste Schritt, die persönliche Wahrheit zu entdecken, anzuerkennen, ernst zu nehmen und zum Ausdruck zu bringen.
Dabei ist es egal, ob es sich um verinnerlichte Vorgaben einer frühen erlebten Unterdrückung oder um eine im äußeren real vorhandene Unterdrückung handelt. Alleine der jetzt aufgebrachte Mut zur Rebellion und zum Widerstand gegen diese Unterdrückung, ist entscheidend für die nun stattfindende Veränderung. Die gesunde, erwachsene und völlig angemessene Wut, die jetzt im Leben eines traumatisierten Menschen möglich wird, befeuert den individuellen Mut zur Befreiung von den inneren Dämonen. Dieser Schritt läutet die endgültige Veränderung ein.
Mut zur Schwäche
Möglich wird die Befreiung aus dem Trauma auch dadurch, dass es auf dieser Basis möglich ist, die eigene Schwäche zu erkennen und zu ihr zu stehen. Alle Menschen sind schwach. Wenn Traumatisierte diese Wahrheit erkennen und annehmen, wird ihre Realität zu einer unerschütterlichen Stärke. Diese wird umso größer, wenn sie mit Gleichgesinnten geteilt wird. Wenn traumatisierte Menschen ihre Isolation und Vereinzelung aufgeben und sich zumindest auf einen anderen Menschen einlassen, dann haben sie den wichtigsten Baustein für ihr Fundament gefunden. Eine Gemeinschaft in Ehrlichkeit und Resonanz trägt und stärkt alle Beteiligten.
Jetzt gibt es kein Zurück mehr
Manchmal wird die Angst vor den tiefgehenden Schmerzen auf diesem Weg der Befreiung so groß, dass der Betreffende zurück in die Isolation und Vereinsamung will. Dieser Rückzug in ein Leben im Schatten des Traumas ist jedoch ab einem gewissen Punkt kaum noch möglich. Wenn einmal die Kraft der menschlichen Wärme und einer echten Verbundenheit erfahren wurde, dann ist der Schmerz, sie wieder zu verlieren, ein größerer Antrieb als die Erleichterung, die eine erneute Verdrängung mit sich bringt.
Das Gehaltenwerden und die kontinuierliche, wohlwollende Präsenz des Beziehungspartners zeigen dem Traumatisierten, wie er den Mut und den Weg durch seine Ängste, seine Widerstände und seine Schmerzen findet. Die Gemeinschaft trägt. Sie gibt den notwendigen Mut und den Halt, um weiter zu gehen und in der Offenheit zu bleiben.
Schritt 9: Herz über Kopf
Der Weg der Traumalösung verläuft nie so linear, wie ich es hier beschreibe. Manchmal werden Schritte übersprungen oder es kommen andere Erfahrungen hinzu, die dem betreffenden Menschen auf dem zur Befreiung aus dem Schatten des Traumas helfen. Doch es ist immer so, dass traumatisierte Menschen an einer bestimmten Stelle auf ihrem Weg merken, dass ihr emotionales Herz wieder mehr schwingt und dass sie gefühlsmäßig berührbarer werden.
Diese Wiederbelebung des Fühlens und emotionalen Ansprechbarseins taucht oft plötzlich und unerwartet auf. Vielleicht bemerken die Menschen wie nebenbei, dass ihnen bei Filmen wieder Tränen in die Augen steigen, dass Musik sie bewegt oder mitsingen lässt. Vielleicht lachen sie auch mehr über alltägliche Albernheiten. Irgendwie wird das Leben wieder beschwingter, leichter und fröhlicher. Ganz unmerklich beginnen die Menschen, sich wieder offener und berührbarer zu fühlen. Vielleicht entwickelt sich sogar eine neue Liebe zu einem Menschen, einem Haustier oder einem Hobby. Und das geschieht so ganz nebenbei.
Wenn diese Öffnung und Berührung wahrgenommen, angenommen und erlaubt werden kann, dann ist das ein Zeichen dafür, dass ein traumatisierter Mensch auf einem sehr guten Weg zu sich selbst und einem gesunden Leben ist. Jede Öffnung beinhaltet zwar auch die Gefahr von Enttäuschung, Frustration und emotionalem Schmerz. Doch wenn ein traumatisierter Mensch bereit dazu ist und für die wunderbare Erfahrung eines lebendigen Lebens die Gefahr der Verletzlichkeit in Kauf nimmt, dann ist das immer ein großer Reifungsschritt für den betreffenden Menschen.
Schritt 10: Die Suche nach dem wahren Gesicht
In der Serie „It´s okay to not be okay“ wird die Suche der Protagonisten nach ihrem wahren Gesicht anhand einer Parabel gezeigt. Es ist die Beschreibung der finalen Selbstfindung der drei Hauptfiguren, mit der dieses wunderbare Gesamtkunstwerk aus emotionaler Körper- und Gebärdensprache sowie Musik- und Bildgestaltung endet.
Die Geschichte von der Schattenhexe
Es war einmal in einem Schloss mitten im Wald. Dort lebten drei Menschen, denen ihr wahres Gesicht von der bösen Schattenhexe gestohlen wurde. Der Junge trug eine Maske mit einem seltsamen Lächeln. Die Prinzessin war laut aber innerlich leer. Und der Mann steckte mit seinem Kopf in einer Kiste fest. Weil sie keine Gesichtsausdrücke hatten, konnten sie ihre Gefühle nicht verstehen. Deshalb gab es Missverständnisse und Zwietracht. Der Mann mit dem Kopf in der Kiste sagte: „Damit der Streit aufhört und wir glücklich werden, müssen wir unsere Gesichter zurückbekommen.“ Also starteten sie ihre Suche.
Auf ihrer Reise trafen sie eine Fuchsmutter, die im Schnee lag und weinte. Der Junge mit der Maske fragte sie: „Gute Frau, wieso weinen Sie so?“ Die Fuchsmutter sagte: „Ich kam raus, um etwas zu essen zu finden, da ist mein Junges, was ich auf dem Rücken trug, in den Schnee gefallen und verschwunden.“ Die Fuchsmutter hatte keine Tränen mehr übrig. Sie schlug weinend um sich. Als der Junge mit der Maske das sah, liefen ihm warme Tränen über das Gesicht. Sogleich begann der Schnee zu schmelzen und der kleine Fuchs kam unter dem Schnee zum Vorschein.
Bald trafen die drei auf einen Clown, der nackt in einem Feld voll dorniger Blumen tanzte. Die emotionslose Prinzessin fragte: „Wieso tanzt Du von Herzen, obwohl die Dornen dich verletzen?“ Der Clown antwortete: „Nur so bringe ich die Menschen dazu, mir zuzusehen. Aber es tut weh und keiner schaut zu.“ Die emotionslose Prinzessin trat in das Feld voll dorniger Blumen und begann, mit dem Clown zu tanzen. „Ich bin eine leere Dose, die Dornen können mir nichts anhaben.“ Als sie zu hüpfen und zu tanzen begann, schepperte und klirrte die Dose um ihren leeren Körper. Als die Menschen diesen Lärm hörten, versammelten sie sich. Die Menge schaute dem Tanz der beiden zu und applaudierte. Gesehen zu werden machte den Clown zutiefst glücklich.
Auf der weiteren Reise, um ihre gestohlenen Gesichter zu finden, trat ihnen die böse Schattenhexe erneut entgegen. Sie entführte den Jungen mit der Maske, der für die Fuchsmutter geweint hatte sowie die emotionslose Prinzessin, die mit dem Clown getanzt hatte. „Ihr werdet euer glückliches Gesicht nie wieder finden“, schrie die Hexe. Nachdem sie diesen Fluch ausgesprochen hatte, sperrte sie die beiden in einem Maulwurfsbau ein.
Ein paar Tage später fand der Mann mit dem Kopf in der Kiste den Maulwurfsbau, aber der Eingang war so eng, dass er nicht hindurch passte. „Was mache ich jetzt? Ich muss die Kiste von meinem Kopf bekommen, damit ich durch den Engpass komme.“ In diesem Moment erklang die Stimme des Jungen mit der Maske aus dem Maulwurfsloch. „Mach dir keine Gedanken um uns – renn einfach weg. Bald kommt die böse Hexe zurück. Rette dich selbst.“ Aber der Mann mit dem Kopf in der Kiste nahm seinen ganzen Mut und all seine Kraft zusammen, um die Kiste von seinem Kopf abzunehmen. Er kroch in das Loch und rettete den Jungen mit der Maske und die emotionslose Prinzessin.
Nachdem sie alle aus dem dunklen Maulwurfsloch gekrochen waren, sahen die beiden, dass das Gesicht des Mannes mit Schmutz bedeckt war, anstatt in der Kiste zu stecken. Sie brachen in schallendes Gelächter aus. Sie kicherten und lachten unentwegt. Während der Junge mit der Maske zum ersten Mal in seinem Leben völlig unkontrolliert lachte, verlor er plötzlich seine Maske. Sie fiel mit einem scheppernden Klang herunter und zersprang in tausend Teile.
Und auch die leere Dose der Prinzessin fiel plötzlich mit einem klirrenden Ton ab. Als die beiden während des Lachens ihr wahres Gesicht sahen und sich gegenseitig in ihrer Freude erkannten, konnte auch der Mann mit der Kiste um den Kopf, der nun keine Kiste mehr um den Kopf hatte, die Gesichtszüge und Gefühle seiner Freunde erkennen und benennen.
Und er sagte laut und deutlich: „Glücklich! Er ist glücklich, sie ist glücklich, ich bin glücklich. Wir sind alle glücklich.“
Die Schattenhexe hatte mehr als ihre wahren Gesichter gestohlen, sie hatte ihren Mut glücklich zu sein, gestohlen. Als der Mann mit der Kiste um den Kopf, der nun keine Kiste mehr um den Kopf hatte, diese Wahrheit sehen konnte, waren sie alle vom Fluch der bösen Schattenhexe befreit und in der Lage, ein glückliches Leben zu beginnen.
Was sagt uns diese Parabel?
Das Bild der bösen Schattenhexe steht symbolisch für ein Leben im Schatten eines schweren Traumas. Das Trauma versagt dem betroffenen Menschen, ein glückliches Leben zu führen. Die drei Protagonisten sind jedoch auf der Suche nach der Befreiung aus dem Trauma, nach ihrem wahren Gesicht und danach, wieder glücklich sein zu können.
Traumatisierte Menschen leben oft mit einem „falschen Gesicht“. Sie funktionieren perfekt, sie machen oft eine „gute Miene zum bösen Spiel“ und häufig „wahren sie ihr Gesicht“. Es kann gut sein, dass sie in jeder Situation die perfekte Maske tragen, um sich selbst zu schützen und es den anderen Menschen, oft auch den eigenen Angehörigen, leicht zu machen. Der Preis für dieses angepasste und falsche Gesicht ist oft eine große innere Leere und eine tiefe Empfindungslosigkeit, die unglaublich anstrengend und langweilig ist. Doch oft ist diese innere Leere, Einsamkeit und Isolation besser als der Schmerz des Andersseins, des Alleinseins und der großen Verlustangst, die sie spüren würden, wenn sie wahrhaftig und authentisch wären.
„Gesicht zeigen“ anstatt „das Gesicht wahren“
Alle traumatisierten Menschen sind auf die eine oder andere Art gefordert, „Gesicht zu zeigen“, anstatt „das Gesicht zu wahren“, um aus dem Schatten des Traumas herauszutreten. Es geht für sie darum, den Mut aufzubringen zu sich selbst, den persönlichen Erfahrungen und der eigenen Geschichte, mit allen Höhen und Tiefen, zu stehen. Diese Befreiung braucht Mut, sie macht Angst und ist gleichzeitig die größte Bereicherung, die es gibt. Der Schritt in die erneute Öffnung zur Fülle des Lebens geht mit Hilfe einer stabilen Beziehung – ob nun als therapeutische Beziehung oder in einer guten Partnerschaft oder wie in der koreanischen Serie in einer stützenden Gemeinschaft.
Ich kann alle traumatisierten Menschen nur dazu ermutigen, die Reise zu ihrem wahren Gesicht und einem glücklichen Leben anzutreten. Wenn die verschiedenen Schritte gewagt werden, die Maske fallen darf und der Mensch wieder zu fühlen beginnt, dann ist der Bann der Schattenhexe gebrochen. Dann gibt es eine reale Chance auf ein glückliches Leben.
Schritt 11: Der Abschied von der Schattenhexe
Die Geschichte der Suche nach dem wahren Gesicht endet damit, dass die drei Hauptfiguren sich darüber bewusst werden, dass die böse Hexe mehr als ihr wahres Gesicht gestohlen hat. Sie hat ihren Mut zu einem glücklichen Leben gestohlen. Und auch hier ist die Geschichte als Parabel für das echte Leben absolut psychologisch fundiert und wahrhaftig.
Viele traumatisierte und vom Leben gebeutelte Menschen haben starke Angst davor, glücklich zu sein. Wer glücklich ist und glücklich lebt, hat etwas zu verlieren – ihm/ihr kann etwas genommen werden und das macht oft sehr große Angst. Für Traumatisierte gilt der Grundsatz: Lieber unglücklich leben als wieder dem Schmerz eines möglichen Verlustes ausgesetzt zu sein. Aus diesem Grund leben viele traumatisierte Personen völlig unter ihrem Niveau. Aus ihrer traumatisierten Sicht ist alles besser, als noch einmal diese extremen emotionalen Erschütterungen zu durchleben und zu fühlen.
Durch das „begleitete Öffnen“ mit Hilfe eines fundierten und soliden Psychotherapeuten ist es möglich, den Bann der Schattenhexe und ihren Fluch, ein unglückliches Leben führen zu müssen, aufzulösen. Wenn ein traumatisierter Mensch die beschrieben Schritte wagt, ist es möglich, den Schatten des Traumas und den Fluch der Angst zu aufzulösen. Auf dieser Basis kann auch für ehemals Traumatisierte ein glückliches Leben beginnen.
Schritt 12: Die Beziehung zu sich selbst
Diese großartige koreanische Serie vermittelt die Erkenntnis, dass letztlich jeder Mensch nur sich selbst gehört und niemandem sonst. Kein Mensch gehört einem anderen – weder einem kranken Bruder, noch der eigenen Mutter und auch nicht der Neurose. Deshalb hat die böse Schattenhexe, die symbolisch für die neurotische Vereinnahmung steht, letztlich keine Chance auf ein Überleben. Die Serie zeigt, dass es möglich ist, sich eine neue Art von Selbst-Sicherheit zu erarbeiten und sagen zu können: „Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben.“ Mit der inneren Entscheidung für ein glückliches Leben und mit dem Mut zu lernen, wie ein lebendiges Leben möglich ist, gibt es Wege durch die Schatten und Ängste des Traumas.
Auf dieser Basis werden neue Verbindungen zu anderen möglich und lebbar. Ein Mensch kann schließlich erst dann wirklich für andere da sein, wenn er gut und stabil mit sich selbst verbunden ist. Nur wer NEIN-Sagen kann, kann auch JA-Sagen. Nur wer stabile Grenzen hat, kann auch intensive Nähe zu lassen. Nur wer eine liebevolle und innige Beziehung zu sich selbst hat, kann auch einen anderen Menschen innig lieben. Diese zutiefst menschliche Wahrheit wird leider so oft vergessen und verkannt. Vielleicht deshalb, weil sie weitreichende Konsequenzen für das gesellschaftliche Leben im Allgemeinen hätte. Menschen, die diese Wahrheit verinnerlicht haben, sind weniger manipulierbar und beeinflussbar. Sie sind selbstsicher und eigenständig und damit oft Außenseiter in vielen Bereichen.
Erleben Sie Ihr eigenes Happy End
Wie anfangs schon vorweggenommen: Die Geschichte von den verlorenen Gesichtern endet mit einem Happy End. Alle drei Protagonisten haben eine unterschiedliche Aussicht auf ein neues, befreites Leben, je nachdem, was sie sich für ihre Zukunft wünschen und vorstellen. Außerdem gehen sie sehr lebendig und verschiedenartig Beziehungen miteinander ein. Das Ende ist unerwartet, lustig und erstaunlich nüchtern für eine koreanische Serie. Gleichzeitig ist es jedoch absolut realistisch. Es wäre spannend zu sehen, wie das Leben der drei Hauptfiguren in einer zweiten Staffel weitergehen würde. Auch im wahren Leben, ist es immer wieder mitreißend zu sehen, wo die Lebenswege verschiedener Menschen hingehen, wenn sie sich aus dem eisernen Griff der Neurose befreien und die Schatten ihrer traumatischen Erfahrungen hinter sich lassen.
Auf der Basis der von mir in diesem Artikel beschriebenen Schritte und mit Hilfe der von mir erstellten Anleitungen bzw. der erwähnten Werkzeuge, ist eine realistische Befreiung aus dem Schatten eines Traumas möglich und eine lebendige Beziehung zu sich selbst und anderen erlernbar. Das allerdings nur, wenn die traumatischen Erfahrungen durchlebt, aufgelöst und ins Leben integriert wurden. Es ist also absolut möglich, dass auch traumatisierte Menschen wieder in die Lage kommen, ein glückliches und erfülltes Leben zu leben.
Die Entscheidung liegt alleine bei Ihnen selbst. Wenn Sie bereit sind, die „Schattenhexe“ Ihrer sie lähmenden Erfahrungen zu vertreiben, hat diese über kurz oder lang keine Macht mehr über Sie. Sie werden wieder lebendig und vertreiben sie aus Ihrem Leben. Ich leite und begleite Sie gerne auf diesem Weg und bei diesem uns beide mit Sicherheit verändernden Prozess – denn dieser Prozess kann nur eine gemeinsame und geteilte Erfahrung sein.