19. November 2021

Der RealitätsCheck als gelebte Erfahrung – zwei Perspektiven

Meine Perspektive als Therapeutin

 

Was hat mich veranlasst, diese Methode zu entwickeln?

Immer wieder erlebe ich, dass meine Klienten zu mir sagen:

„Ich will da raus – ich will diese negativen Gefühle loswerden – ich will das alles hinter mir lassen“ Als ob wir jemals etwas aus unserem inneren Erleben wirklich loswerden könnten…

Bestenfalls fragen sie mich:

„Wie komme ich da raus?“ „Was kann ich tun, um dieses negative Erleben loszuwerden?

Bei jeder Frage habe ich die Chance zu antworten und gehört zu werden.

Meine Antwort ist IMMER:

„Das Rein ist das Raus – Das Raus ist das Rein!“

„Je mehr Sie reingehen in Ihr jeweiliges Erleben, dieses zulassen und intensiv durchleben, desto schneller kommen Sie aus diesem raus“.

Dieser Ansatz stößt jedoch fast immer auf großes Erstaunen und viele Fragezeichen bei meinem Gegenüber. Reingehen in etwas, was als so „negativ“ empfunden wird… Trauer, Angst, Einsamkeit, Schmerz…

Das soll helfen und sogar gut sein?

Die mimische Sprechblaseder meisten Klienten zeigt mir in 9 von 10 Fällen

  • Erstaunen bis Irritation
  • oft Verwirrung… „Was meint die denn damit…?“
  • häufig Zweifel
  • manchmal auch Ablehnung.

Reingehen in negatives Erleben um rauszukommen? „Na, ob die Psychotante weiß, wovon sie spricht…?“

Diese Gedanken werden von meinem Gegenüber so gut wie nie ausgesprochen, ich kann sie jedoch in den Gesichtern und der Körpersprache lesen.

Die Abwehrreaktionen sind nachvollziehbar. Mir ist klar, dass ich fast alle Menschen mit diesem Ansatz verwirre. Wurden wir doch alle von früh auf dahin gehend konditioniert, „negative Gefühle“, wie sie so falsch genannt werden, zu vermeiden bzw. zu verstecken.

  • „Reiß Dich zusammen…“
  • „Stell Dich nicht so an…“
  • „Ein Indianer kennt keinen Schmerz…“
  • „Da muss man doch nicht weinen…“
  • „Wer wütend ist hat unrecht – wer schreit hat sowieso unrecht“
  • „Wenn Du brav bist, dann hab ich Dich wieder lieb…“

Jeder kennt diese Aussagen, die auf den Ausdruck von Emotionen folgen. Und nun sagt hier jemand genau das Gegenteil….Das ist doch merkwürdig!

Reingehen um rauszukommen – Wie komme ich zu diesem Ansatz?

Als KörperPsychotherapeutin nehme ich immer alles zuerst energetisch wahr. D.h. ich beziehe mich zunächst einmal auf den energetischen Faktor der psychologischen Phänomene. Auf dieser Grundlage sind Emotionen und Empfindungen für mich Energie-Konglomerate – Zusammenballungen – die mit hormonellen Reaktionen einhergehen. Wenn diese frei fließen und entsprechend ihrer energetischen Ladung genutzt werden, dann sind sie hocheffiziente Werkzeuge. Werden die Gefühle, Empfindungen und Körpersensationen jedoch unterdrückt, dann kommt es zu einem energetischen Stau, der wiederum negative Reaktionen im Inneren des Menschen sowie in seinem Verhalten hervorruft. Energie muss frei fließen können um konstruktiv nutzbar zu sein.

Mein Streben nach Evidenz

In meinem gesamten Arbeitsleben geht es mir vorwiegend darum, den Menschen, mit denen ich arbeite, zu einer gelebten Erfahrung des energetischen Ansatzes zu verhelfen. Deshalb bin ich ständig auf der Suche nach geeigneten Methoden, um die ungreifbaren seelisch-geistigen Phänomene in der Psychotherapie erfahrbar und nachvollziehbar zu machen. Manchmal leitet mich dabei eine Vision und ich entwickle neue Methoden und Werkzeuge. So auch mit der Methode des

RealitätsChecks, auf die ich durch langes Nachdenken und ständiges Üben gestoßen bin. Wenn das gelingt, dann sind das die Highlights meiner Arbeit und ich bin immer wieder sehr froh und dankbar, diese erleben zu können.

 

Die Perspektive der KlientInnen

Um Außenstehenden einen nachvollziehbaren Einblick in die Arbeit mit dem RealitätsCheck zu gewähren, habe ich Klienten gebeten, ihre Erfahrungen mit der Methode aufzuschreiben. Einige waren so hilfreich, mir ihre Erlebnisberichte zu überlassen und mir die Veröffentlichung zu erlauben. Ihnen bin ich unendlich dankbar. Hier die Berichte:

 

Von zerrüttet zu beschwingt in 50 Minuten

Es ist Donnerstag. Ich schleppe einen Konflikt, der mich schon die ganze Woche niederdrückt, wie einen schweren Rucksack in meine Stunde zu Frau Zimmermann. Wie gewöhnlich  bin ich bis hierher meine „Highway Number One“ hinabgesaust – den Weg meiner eingefleischten Gewohnheiten: Ich grüble, ich plane, entwerfe Strategien, bin entschlossen, alles sofort zu regeln. Ich will mir meine Zukunft zurechtschnitzen.  An der Ausfahrt „Erst fühlen, dann handeln“ –  eine Chance für eine andere Perspektive – bin ich längst vorbeigebraust. Jetzt nähern sich meine Schultern vor lauter Stress den Ohren. Gottseidank ist Donnerstag – ich weiß: „Hier werden Sie geholfen“.

Ich stelle den Rucksack in den Raum. Bald ist alles ausgepackt und begutachtet. Nun nehme ich mit Erleichterung die nächste Ausfahrt wahr, die mich direkt zum weißen Teppich in der Mitte des Raumes führt. Ich halte inne, lege mich hin, breite mich aus und schließe die Augen. Meine Füße finden Halt gegenüber. Fußsohle gegen Fußsohle gedrückt, bin ich mit meiner Therapeutin verbunden. Ich spüre, sie ist da und ich kann mich der Situation vertrauensvoll überlassen.

Jetzt merke ich ganz deutlich die Anspannung, die Festigkeit und den Druck im Körper. Und von wegen „der Boden trägt mich“ – hallo! Mein Kreuz wölbt sich wie ein verzogenes Brett. In meinem Kopf wirbeln Gedanken, türmen sich Konzepte. Oh je, das ist schlecht, ganz schlecht…, ich sollte doch wirklich mal loslassen, mich überlassen .. und so weiter, und so weiter …

Bis – danke liebe Stimme – Frau Zimmermann mich fragt: „Wie nehmen  Sie sich wahr? Was geht in Ihnen vor?

Ein Rettungsring. Ich ergreife ihn. Na klar, es ist doch wirklich so: „Ich bin angespannt. Ich bin unruhig. Ich bin bedrückt. Ich bin außer mir …“

Während ich spreche, taucht ein altes, wohlbekanntes Gefühl auf … ich spüre da lauert etwas in mir, etwas, womit ich mich auf keinen Fall befassen will. Ok, dann spreche ich diese Abwehr eben auch einfach aus – meine Stimme gepresst, mein Kiefer verspannt – das ist’s doch, was grade ist: „Ich bin widerständig, ich bin so widerständig, ich bin verdammt widerständig …“.

Und wieder rettet mich die Stimme: „Schauen Sie mal hin, was Sie gerade wirklich sind.“ Jetzt bricht es aus mir heraus: „Ich bin ärgerlich. Ich bin so ärgerlich. Ich bin total ärgerlich …“ Und als ob ich nur darauf gewartet hätte, schlage ich mit meinen Armen den Ärger auf die Polster neben mir. Wieder und wieder, und schreie meinen Ärger, meine Wut hinaus.

Als ich erschöpft innehalte, schleicht sich ein Gefühl an – direkt aus meiner Mitte. Ein Gefühl irgendwie jämmerlich, weinerlich … Und sogleich, bevor ich mich dem überlasse, umklammert eine eiserne Kralle meinen Hals. Oh, verdammt! Miststück, ich kenne dich! Ich spüre es und sage es: „Ich bin kontrolliert, ich bin vollkommen kontrolliert, ich bin extrem kontrolliert …“

Da fliegt mir aus Frau Zimmermanns Richtung ein dickes Kissen entgegen. Ich fange es auf  – weiß ich doch, dass es mir hilft. Ich umschlinge es ganz fest und kralle meine Hände hinein. Und nun drücke ich zu, drücke das Kissen gegen meine Brust. Ich drücke mit angehaltenem Atem immer fester und fester – ohne einen Gedanken. Ich bin ganz und gar Druck  – bis ich loslasse und erschöpft, wie  geplättet, daliege.

Nun spüre ich meinen Rücken anders. Es ist, als ob er sich an den Boden geschmiegt hätte. Und jetzt kommt das Gefühl, das die Kralle an meinem Hals abgewehrt hat, zurück: Traurigkeit. Sie geht mir durch und durch und unter Schluchzen und Tränen spreche ich: „Ich bin traurig. Ich bin so, so traurig. Ich bin unendlich traurig …“ Ich schwimme in einem Meer aus Traurigkeit und tauche tief ein in alles was da ist: „Ja, ich bin sehr, sehr traurig. Ich bin allein. Ich bin ohne Halt. Ich bin ausgeliefert. Ich bin hilflos, vollkommen machtlos. Ich bin schwach.“

Und als die Stimme sagt: „Ja, das sind Sie. Das ist Ihre Realität. Genau so ist es“,  kommt alles bei mir im Tiefsten an, fließt durch meinen Körper, wie ein warmer Strom. Und jetzt, paradoxerweise, fühle ich mich getragen, getragen von dieser Weichheit. Die Traurigkeit gibt mir Halt- es ist wie Magie! Was für ein wunderbares Gefühl, fast golden. Ich werde ganz leicht.

Als Versprechen nehme ich nach tiefen Atemzügen beim Ausatmen diese Sätze mit: „Ich erlaube mir, traurig zu sein. Ich erlaube mir so zu sein, wie ich wahrhaftig bin.“

Diese Erlaubnis, die ich mir selbst gebe, ist wie eine Erlösung. Endlich, endlich ist der Kampf in mir beendet, Frieden kehrt ein. Aus großer Ruhe heraus betrachte ich meinen Tag voller Zuversicht.

Jetzt gähne ich, räkle mich, stehe auf. Ich schultere den Rucksack, der immer noch alles enthält, was ich hergetragen habe, und der nun federleicht ist. Beschwingt und froh gehe ich hinaus in mein Leben.

„See you, Frau Zimmermann.“

KK

 

Mein Leben im Widerstand

Ich soll also liegen, sagt die Therapeutin. Soll Fühlen. Geht ja schon gut los, denke ich, während ich mich hinlege. Ich fühl mal gar nichts. Die Übung heißt „RealitätsCheck“

Innerlich verdrehe ich die Augen: blöde Übung: „Ich bin…äh…und hier soll dann ein Gefühl eingebaut werden…äh….keine Ahnung…äh…wütend?“

Ich sage „wütend“, weil es bei mir das Wahrscheinlichste aller Gefühle ist, nicht weil ich es momentan fühle. Ich fühle, wie gesagt, gar nichts. Doch, langsam spüre ich schon die Wut aufsteigen. „Scheißübung, ich bin doch nur wütend wegen dieser Übung!“ Das sage ich nicht, denke es aber offenbar ablesbar. Denn schnell werden die gedachten Sätze erkannt von Frau Zimmermann und sie thematisiert den Widerstand. Aha. „Widerstand“, na gut. Mich beim Widerstand zu erwischen ist leicht, selbst für meinen Mann und der guckt bei mir oft nicht so genau hin, aber das ist ein anderes Thema. Frau Zimmermann und ich arbeiten also mit dem Widerstand, meinem Ärger- auch auf diese Übung.  Erst nach dieser Konfrontation werde ich weicher, ich liege, ich fühle, ich sage was ich bin. Erschöpft. Auch traurig. All die Wut, all der Widerstand. Seit Jahrzehnten mein erster Impuls und auch mein zweiter. Später denke ich an das was die Übung aufzeigt: den permanenten Widerstand gegen eine Form, Struktur, Autorität. Jetzt verstehe ich zum ersten Mal, wie schnell ich, automatisch, affektiv, im NEIN bin, nur weil etwas von „oben“ vorgegeben wird.
Getroffen! Zack von der Erkenntnis. Erkenntnis von etwas, was längst schon klar ist. Doch beharrlich von mir unter „Jajaja“ aus dem Gesichtsfeld verbannt wird. Diese Übung macht es deutlich. Aha. Einen grundsätzlichen Widerstand habe ich also, gegen Vorgaben, Autoritäten, Regeln! So einfach. So tiefgreifend. So ich. Jeder der mich kennt weiß das natürlich. Ich auch irgendwie. Das ist mein Realitätscheck.

Am Ende der ÜBUNG dann einfach nur liegen. Erleichtert. Geschafft. Friedlich. Der Widerstand hat kurz Pause, ich gähne und strecke meine Füße gegen die der Therapeutin. Da ist noch ein Mensch. Ich bin nicht allein. Ich entspanne.

AG

 

Liegen

Ich lege mich auf den Boden, das Kissen doppelt gefaltet, das Kinn neigt sich zur Brust.

Ich merke, wie müde ich bin, und spreche halblaut vor mich hin: Ich bin müde. Ich bin so müde. Ich bin so furchtbar müde. Und nach und nach steigt die Traurigkeit, die ich zuvor schon fühlte an diesem Tag, jetzt nach oben, ich spüre sie in meinem Hals, und bald darauf kommen Tränen und ein intensives Weinen schüttelt mich durch. Ich spreche laut die Worte: Ich bin traurig. Ich bin so traurig. Ich bin unendlich traurig. Und weine laut. Plötzlich ist es wie eine heftige Entladung: Ich schluchze, mein ganzer Körper bebt., dann ebbt das Durchgeschütteltwerden ab. Erst einmal. Für einen Moment setzt Ruhe ein, dann kommt die nächste Welle und schüttelt mich erneut durch. Noch einmal weine und schluchze ich laut. Dann ist es vorbei, ich bin erst einmal durch, soweit es mir möglich war. Ich seufze laut, Entspannung setzt allmählich ein. Und wieder seufze, stöhne ich. Und noch ein paar Mal, die Abstände werden größer, bis ich schließlich wirklich ruhig bin.

Ich liege am Boden, auf meinem Kissen, das Kinn neigt sich zur Brust. Jetzt kann ich mich mehr fühlen, bin mehr in meinem Körper und mit mir. Gedanken kommen, ich bin wieder da.

BN

 

Realität erkennen

„Kommen Sie und legen Sie sich auf den Teppich“ sagt Frau Zimmermann nachdem ich bereits die Hälfte meiner Therapiestunde relativ komfortabel auf der Couch gesessen und mich selber hinter einen endlosen Redeschwall versteckt hatte. Die vier Schritte zum Teppich, der gleich neben der Couch beginnt, werden zu einer Tageswanderung. Fühlen soll ich, was im Moment ist und mir dabei von meiner Therapeutin zusehen lassen. Ausgerechnet ich, der nie fühlt, lieber gehetzt nach vorne oder nach hinten schaut. Wenn dann doch mal Gefühle in mir aufsteigen dann scheint es als wären dies fremde Wesen die von mir Besitz ergreifen.

Augenblicklich habe ich das dringende Bedürfnis ausgiebig aufs Klo zu gehen, meinen urplötzlich auftretenden Durst zu stillen, die Uhr an der Wand mit magischer Hand um 20 Minuten nach vorne zu stellen, damit meine Therapiestunde und irgendwie auch meine Zeit vorbei ist. „Und jetzt sprechen Sie aus was ist. Was sie fühlen. Beginnen Sie mir dem Satz: Ich bin!“ Meine Lippen bleiben verschlossen. Nach Stunden dann der erste Satz: „Ich bin angespannt.“ Pause! „Weiter!“ höre ich die Worte von Frau Zimmermann. Dann der zweite Satz: „Ich bin angespannt.“ So das war‘s denke ich, jetzt wissen wir beide ja, dass ich angespannt bin und eben nicht fühlen kann. „Weiter, weiter, weiter….,“ . „Ich bin angespannt, ich bin angespannt, ich bin angespannt, Ich bin…“ Wieder und wieder wiederhole ich diesen Satz bis mir die Luft knapp wird, mein Kopf schwindelt vom vielen Sauerstoff, die Nasenflügel anschwellen, ich noch weniger Luft bekomme und merke wie endlos wütend ich plötzlich werde. „Ich bin wütend, ich bin wütend, ich bin wütend, ich bin …“, hilflos ausgeliefert der Situation, schutzlos, überfordert, verwirrt, der Rücken schmerzt. Was fühle ich denn nun? Wut, Frustration, Überforderung, Hilflosigkeit, Schwäche, Trauer? Stopp! Meine Gedanken beginnen zu wandern. Ich darf auf keinen Fall vergessen die Email meines Vermieters heute noch zu beantworten, meinen Sohn anzurufen und Kaffeesahne fürs morgige Frühstück zu kaufen. Ich will aufstehen und all das schnell erledigen, da es das Allerwichtigste auf der Welt gerade ist. Ich muss, ich muss, hab keine Zeit hier rumzuliegen. Meine Welt da draußen könnte zusammenbrechen während ich hier liege und mich Worte wiederholen höre. Flüchtig bin ich also auch noch, denke ich während langsam Panik in mir aufsteigt. Da höre ich die Worte meiner Therapeutin „Was ist los? Warum haben Sie gestoppt?. Machen sie weiter. Was ist?“ Ertappt! Ein Schreck durchfährt mich. und ich höre mich sagen: „Ich bin ängstlich!“ Wo in aller Welt kam das denn jetzt her? Und während ich das noch denke, spüre ich wie mein ganzer Körper durchatmet. Ich bin irritiert. Was denn nun? Sollte es tatsächlich so sein das unter all der Wut die Angst liegt wie Frau Zimmermann immer sagt? „Ich bin ängstlich, ich bin ängstlich, ich bin so ängstlich“. Ein gestandener Mann der Angst hat. Gut das dies nur Frau Zimmermann und ich hier hören. Aber eine zarte Leichtigkeit macht sich in mir breit. Die Worte fliesen jetzt müheloser. „Ich bin ängstlich, ich bin ängstlich, ich bin so ängstlich“. Mein Körper beginnt sich zu entspannen, der Schwindel hört auf, meine laute Welt wird plötzlich leise. Immer und immer wieder wiederhole ich den Satz: „Ich bin so ängstlich.“ Und dann ist sie weg die Angst. Die Angst zu versagen, die Angst nicht zu genügen, die Angst zu scheitern, verlassen zu werden – ganz alleine, falsch, ungeliebt und ungewollt zu sein. Einfach weg, alles weg! Das Gedankenkarussell in mir hat aufgehört sich zu drehen. Was ist mit der Email, dem Telefonat, der Kaffeesahne? Unwichtig. Alles ist mit einem Mal unwichtiger als jetzt hier zu sein, in diesem Raum aus dem ich vor 20 Minuten noch fliehen wollte.

Wieder zurück auf der Couch, blicke ich meiner Therapeutin zum ersten Mal an diesem Tag direkt in die Augen. Jedes weitere Wort ist jetzt überflüssig. Alles durfte und darf sein! Die Luft im Raum wird körperlich, das Nichts scheint fassbar, das volle Wasserglas in meiner Hand wiegt federleicht. Ist das die Präsenz von der alle reden und die ich mir so oft und so sehr wünsche?

Auf dem Rückweg nach Hause sehe ich in der S-Bahn Menschen sitzen die vor einer Stunde lediglich Gestalten für mich waren. Ich sehe Gesichter, Augen, Häuser, Bäume, höre den Straßenlärm und das Hupen der Autos, sehe die Welt wie sie ist, laut und leise, pur und ohne Filter. Ich fühle und nehme wahr.Ich fühle mich selber, fühle ich bin da und alles ist gut so wie es gerade ist.

JM

 

Realität

 Am Anfang ruckelt es immer ein wenig. Liege ich richtig? Passt das Kissen? Wo bin ich gerade mit meinen Gedanken? Nach ein paar tiefen Atemzügen kehrt Ruhe ein. Dann beginnt die Suche. Wie geht es mir gerade? Was beschäftigt mich? Wie fühle ich mich? Bei mir liegt das meiste unter dem Brustbein. Wahrscheinlich läuft da irgendwo ein dicker Nerv. Ein Kribbeln und Ziehen,  als ob jemand mit dem Finger auf eine gerade verheilte Wunde drückt. Gar nicht schlimm, aber doch ahnungsvoll unangenehm. Dann die richtigen Worte finden. Bei mir funktionieren Bilder immer besser als  bloße Zustände (also lieber „ich laufe vor eine Wand“ als „ich bin gescheitert“). Das murmele ich eine Weile, aber gar nicht lange. Denn  mittlerweile lande ich sehr schnell im Zentrum, Angst ist immer am schlimmsten. Da einmal angekommen, muss ich mir manchmal selbst noch einen Schubs geben, um zu fallen. Dann aber zieht sich alles zusammen, es entsteht eine große Anspannung, krampfartig mit vielen Tränen, manchmal bäumt sich auch alles auf, nur kurz – bis alles in sich zusammensackt, sich wieder löst und entspannt. Das geht alles sehr schnell. Wie von selbst gibt es eine lange Ausatmung. Wie bei diesem Hünen in dem Film „Green Mile“: Alles Schmerzhafte scheint meinen Körper zu verlassen. Ganz so ist es natürlich nicht, die Angst ist nach wie vor da. Aber sie ist ruhiger geworden, weniger bedrohlich, fast gleichmütig.  Jetzt kommt der schönste Moment. Ich lege beide Hände auf die Brust. Jetzt bin ich bei mir. Ich liege gerne länger so, schaue an die Decke. Das, was ich jetzt fühle, das bin ich. Die „Realität“ wird sicher weiter an mir nagen. Doch für diesen kurzen Moment bin ich versöhnt mit mir selbst.

 

 

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